Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. So funktioniert das Sozialkredit-Ranking in China.

Seit Jahrzehnten beherzigen autoritäre und totalitäre Systeme jedweder Couleur Lenins berühmt-berüchtigten Ratschlag. Die Sowjetunion, die DDR, die arabischen Emirate, Iran, Pakistan und so weiter: Überall sind Diktatoren bei Lenin in die Lehre gegangen, um mittels Spitzeln, Abhöranlagen und Unterwanderung ihre Untertanen zu überwachen. Monströse, perfide, unmenschliche Systeme. Aber sie alle schrumpfen zu Zwergen im Vergleich zu dem totalen Überwachungssystem, das die Parteiführung in Peking nun mithilfe digitaler Technologien errichten.

Bürger mit vielen Punkten werden öffentlich gelobt. Oneandahalfman

Bürger mit vielen Punkten werden öffentlich gelobt.

Vor einem Jahr bekam ich das erste mal einen direkten Einblick in das virtuelle Sozialpunktesystem. Bislang beruht es offiziell auf Freiwilligkeit, aber der soziale Druck ist so hoch, dass kaum jemand sich einer Teilnahme verwehren kann. Schon jetzt macht mehr als die Hälfte der 1,4 Milliarden Chinesen mit und bemüht sich, ein gutes Ranking auf dem digitalen Punktekonto zu erreichen. Wer fleißig arbeitet und der Obrigkeit gehorcht, bekommt Punkte gutgeschrieben. Wer Gesetze missachtet, politisch aufmuckt oder einfach nur über eine rote Ampel geht, bekommt Punkte abgezogen. Und wer studieren, im Beruf aufsteigen oder sonstige Privilegien genießen will, braucht, genau, ein gut gefülltes Punktekonto. Dabei muss man bedenken, das etwa 80% aller Betriebe Staatsbetriebe sind. Ein ständiger Kampf, bei dem jeder sich immerzu fragt: Wie kann ich mich weiter verbessern? Wie kann ich noch besser gehorchen? So werden Hunderte Millionen Menschen für einen moralisch konformen Lebenswandel im Sinne der kommunistischen Führung gedrillt. Der Staat lagert die Kontrolle also aus: Die Menschen überwachen sich selbstDer Belohnungseffekt, der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg, der eiserne Polizeistaat und wohl auch der Konfuzianismus mögen dazu beitragen.

Und was macht der Staat mit den gesammelten Daten? Er benutzt sie, um aus seinen Untertanen die besonders willfährigen für höhere Aufgaben in den Behörden und der Staatswirtschaft auszuwählen – und um Unliebsame zu bestrafen. Kurz vor dem am Dienstag beginnenden Volkskongress ist nun bekannt geworden, dass die Staatsführung im vergangenen Jahr in mehr als 20 Millionen Fällen Menschen verboten hat, mit dem Zug oder dem Flugzeug zu reisen. Grund: zu wenig Sozialpunkte. Die Staatspropaganda feierte die Meldung als tolle Maßnahme im Kampf gegen “unehrliche Subjekte“.

2018 verweigerte Chinas Staats- und Parteiführung in rund 17,5 Millionen Fällen Menschen das Reisen per Flugzeug. Fast 5,5 Millionen Mal durften Reisende keine Schnellzug-Tickets kaufen. Das steht in einem Report des zuständigen Sozialkredit-Informationszentrums. In China muss man sich beim Kauf von Zugtickets, ähnlich wie bei Flugtickets, ausweisen, sonst kann man kein Ticket erwerben. Ohne gültiges Zugticket, kommt man nicht einmal in den Bahnhof hinein.

Reisende in China Oneandahalfman

Und sie zieht die Zügel weiter anNun verlangt die Führung vielen Untertanen auch noch ab, sich jeden Tag mit den geistigen Ergüssen des gottgleich verehrten Präsidenten Xi Jinping zu beschäftigen. Mitglieder der kommunistischen Partei Chinas müssen sich am Smartphone täglich mit ihrem Präsidenten beschäftigen. Die App heißt „Xue Xi Qiang Guo“. Das ist doppeldeutig. Es kann bedeuten: „Studiere, um das Land stark zu machen“ oder „Studiere Xi, um das Land stark zu machen“. Xi steht für den Staatspräsidenten Xi Jinping. Die App ist der neueste Propagandakanal der Partei. Sie zeigt Xi Jinpings Reden, seine öffentlichen Auftritte, seine Ermahnungen an die Parteikader, dem Volke zu dienen. Nur wer sich täglich mehrere Stunden mit diesen Propagandawerken beschäftigt, bekommt die nötigen Punkte gutgeschrieben.

Die US-Regierung nennt Chinas Sozialkreditsystem ein “orwellsches System”, mit der der Staat praktisch jede Facette des menschlichen Lebens kontrolliere. Bemerkenswert sind allerdings auch die Reaktionen hierzulande,wenn man über das chinesische Überwachungssystem berichtet. Betroffenheit ist zu hören, sicher, aber auch Abgebrühtheit. Na ja, heißt es dann, die amerikanische NSA schnüffele doch auch überall herum, und haben nicht Facebook, Google und Amazon eh alle unsere Online-Daten längst abgesaugt? Sperrt Facebook seit Einführung des NetzwerkDG nicht ständig und willkürlich Beiträge und Nutzer. Da ist der nächste Schritt zu einer Meinungsdiktatur nicht mehr weit.

Alles richtig, aber was in China passiert, ist etwas anderes. Es ist der Versuch, den kompletten Lebenswandel bis in den letzten privaten Winkel zu kontrollieren und im Sinne der politischen Machthaber zu steuern. Im Jahr 1948 schrieb George Orwell seinen Roman “1984“. Es hat etwas länger gedauert, als er dachte, aber 70 Jahre später scheint seine Dystopie doch noch Wirklichkeit zu werden. Das sollte sich jeder bewusst machen, der mit Chinas Staatslenkern zu tun hat – egal, ob bei G20-Treffen oder Nordkorea-Gesprächen, beim Feilschen um Huawei-Handymasten oder weil er in Peking Autos verkaufen will: Er verhandelt mit einer Führung, die Menschen zu Maschinen degradiert, zu gut geölten Rädchen in ihrem Herrschaftsapparat.

Ab dem Jahr 2020 soll das Sozialpunktesystem verpflichtend für alle Chinesen sein. Na ja, mögen Sie jetzt vielleicht denken, China ist weit weg. Schon, aber die Chinesen sind Meister darin, ihre Technologien gewinnbringend global zu vermarkten. Einige asiatische, arabische und afrikanische Staaten sollen bereits Interesse bekundet haben, das Überwachungssystem zu importieren. Schimpfen Sie mich einen Schwarzseher, aber angesichts der wachsenden Macht Chinas ist es ziemlich wahrscheinlich, dass in einigen Jahren auch in anderen Ländern Sozialpunkte verteilt werden. “Dank modernster Technik sollen jede Firma und jeder Bürger in Echtzeit überwacht werden können – auch über die Grenzen der Volksrepublik hinaus“

Kommt die totale digitale Überwachung also irgendwann auch nach Europa? Heute mag uns der Gedanke lächerlich vorkommen. Aber das Lachen könnte uns bald im Halse stecken bleiben.

Deshalb gilt: 

Wer nicht überwacht werden will, sollte jetzt wachsam sein.

Gesichtserkennungssoftware Oneandahalfman

 

Ich bin Jahrgang 1970 und lebe seit 2014 in China. Seit mittlerweile über 20 Jahren bin ich Unternehmer und u.a. Gründer von ONEANDAHAHFMAN. Ich bin entschlossen und zielstrebig dabei meinen ganz persönlichen Traum wahr werden lassen – ortsunabhängiges leben und arbeiten. Schon früh entdeckte ich die Faszination des Reisens. Viele Auslandsaufenthalte in verschiedenen Teilen der Welt haben mich mehr und mehr für das Thema ´Ausland und Auswandern` sensibilisiert. Eine Option Ausland ist inzwischen auch Teil meiner eigenen Lebensplanung geworden.
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Ich bin Jahrgang 1970 und lebe seit 2014 in China. Seit mittlerweile über 20 Jahren bin ich Unternehmer und u.a. Gründer von ONEANDAHAHFMAN. Ich bin entschlossen und zielstrebig dabei meinen ganz persönlichen Traum wahr werden lassen – ortsunabhängiges leben und arbeiten. Schon früh entdeckte ich die Faszination des Reisens. Viele Auslandsaufenthalte in verschiedenen Teilen der Welt haben mich mehr und mehr für das Thema ´Ausland und Auswandern` sensibilisiert. Eine Option Ausland ist inzwischen auch Teil meiner eigenen Lebensplanung geworden.
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